Praxisforschungsprojekt: Entwicklung und Aufbau einer Beschwerde- und Vermittlungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (seit 2006)

In Halle (Saale) wurde im Lauf des Jahres 2006 erkennbar, dass die Oberbürgermeisterin und die Leitung des Jugendamts gemeinsam mit einer externen Beratungsfirma ein radikales Sparkonzept im Bereich Hilfen zur Erziehung durchsetzen wollten. VertreterInnen der Freien Träger Hilfen zur Erziehung der Stadt sowie Angehörige der Hochschule Merseburg (sowohl HochschullehrerInnen als auch Studierende) sahen die Rechte von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Gefahr. Insbesondere die Kunden im Bereich Hilfen zur Erziehung können leicht ihre Rechte und ihre Durchsetzungsmöglichkeiten verlieren im Dreieck “Klient – Öffentlicher Träger – Freier Träger”.

Ein Arbeitskreis entwickelte erste Ideen für eine unabhängige Beschwerde- und Vermittlungsstelle, die die bessere Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Bereich der Erziehungshilfen unterstützen soll – sowohl gegenüber dem Jugendamt als auch gegenüber den Leistungen erbringenden Freien Trägern. Im November 2007 fand in Halle eine große Fachtagung statt, auf der das Konzept der Beschwerdestelle und die Idee der “Gelben Karte” vorgestellt wurden. Im Februar 2008 gründete sich der Verein “LOTSE – Verein für die unabhängige Beratung und Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Eltern e.V.” Gleichzeitig begann eine Beratungsgruppe ihre Vorarbeiten.

Die Grundidee ist, dass ein transparentes Beschwerdewesen zu einer Verbesserung der Kooperation führt, nicht aber unbedingt zu mehr “Beschwerden”. Wenn es gelingt, KlientInnen frühzeitig einzuladen, ihre Unzufriedenheit zu äußern und ihre Rechte als gleichberechtigte Partner aktiv wahrzunehmen, können Unstimmigkeiten frühzeitig ausgeräumt werden. Die Beschwerdestelle richtet sich nicht gegen jemanden und auf keinen Fall besonders gegen das Jugendamt, sondern kann auf Wunsch zwischen allen Beteiligten vermitteln.

An der Entwicklung dieser Beschwerde- und Vermittlungsstelle beteilige ich mich seit Herbst 2006 in der vorbereitenden Arbeitsgruppe, als Vorstandsmitglied sowie bei Aufbau und Schulung der Beratungsgruppe.

Weitere Informationen über die Beschwerde- und Vermittlungsstelle sowie über den Verein unter www.lotse-halle.de.

Praxisforschungsprojekt: Entwicklung und Durchführung des Masterstudiengangs “Systemische Sozialarbeit” (seit 2004)

Am 13. Juli 2009 beginnt der erste Masterstudiengang Systemische Sozialarbeit, ein unmittelbares Ergebnis dieses Forschungsprojekts.

Aktuelle informationen unter www.sysoma.de.

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich die systemische Familientherapie in Deutschland erheblich ausgeweitet: immer mehr TeilnehmerInnen nahmen an einer zunehmenden Zahl von Weiterbildungsgängen teil. Da diese Richtung der Psychotherapie einerseits jung und offen ist (noch nicht kanonisiert, aber auch noch nicht als Psychotherapieverfahren anerkannt), andererseits aber sehr viele nützliche theoretische und praktische Ansätze beinhaltet, haben an vielen der therapeutischen Weiterbildungslehrgänge auch SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen teilgenommen – viele von ihnen in der Hoffnung, vom sozialarbeiterischen in den therapeutischen Bereich zu wechseln, viele aber auch mit dem Wissen, dass sie für ihre aktuelle professionelle Praxis entscheidende Impulse bekommen können und sie dort auch nutzen können.

Obwohl es also einerseits eine große Nachfrage nach systemischen Konzepten in der Sozialarbeit gibt, sind andererseits bislang keine Weiterbildungslehrgänge speziell für die Sozialarbeit entwickelt worden. Dies ist jedoch sinnvoll – sowohl um dem besonderen, im Gegensatz zum therapeutischen Aufgabenfeld vielschichtigeren und multiperspektivischen Kontext der Sozialen Arbeit gerecht zu werden, als auch aus Gründen der professionellen Identität als SozialarbeiterInnen.

Mit diesem Projekt “Entwicklung eines Weiterbildungsstudiengangs Systemische Sozialarbeit” soll auf dieses Defizit eingegangen werden. Es ist mit einer großen Nachfrage zu rechnen. In der Praxis der Sozialarbeit werden von Einrichtungsleitungen zunehmend mehr systemisch Theoriekompetenz und systemisches Handlungswissen gefordert. Bislang werden systemische Weiterbildungen nur von unabhängigen Therapieinstituten angeboten, eine wissenschaftliche Ausbildungsstätte fehlt.

Dieses Projekt besteht darin,

  • ein Curriculum für den Masterstudiengang “Systemische Sozialarbeit” (mit 90 Credits) zu entwickeln,
  • die organisatorischen Voraussetzungen für diese Weiterbildung (personell, räumlich, zeitlich) zu schaffen
  • Ausschreibung, Vorbereitung und Begleitung (Lehre, Organisation) den ersten Studiengangs auszuschreiben, zu bewerben, vorzubereiten und in Lehre und Organisation zu begleiten,
  • die Akkreditierung des Studiengangs zu beantragen und zu erreichen,
  • den ersten Durchlauf des Studiengangs zu evaluieren
  • die Weiterführung des Studiengangs vorzubereiten.

Die Akkreditierung durch die AHPGS wurde im Herbst 2005 erteilt.

Der erste Masterstudiengang sollte im Herbst 2006 beginnen, er kam aufgrund hochschulinterner Schwierigkeiten nicht zustande. Bis auf weiteres ist leider nicht damit zurechnen, dass ein neuer Anlauf genommen werden kann.

Projektleiter: Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp

Projektmitarbeiter (bis Juli 2006): Ludger Kühling MA,

(ab November 2008: Julia Hille, BA)

Thementyp: Drittmittelprojekt

Mittelgeber: Bund und Land

Projektlaufzeit: 2 Jahre

Investition: ca. 110.000 Euro

Projektwebseite: http://www.systemische-sozialarbeit.de

Schlagwörter: Systemische Sozialarbeit, Masterstudiengang, Systemische Beratung, Sozialarbeit, Systemtheorien und Sozialarbeit, Sozialarbeit und Therapie, Weiterbildung, Weiterbildungsstudiengang.

siehe auch die Landesforschungsdatenbank des Landes Sachsen-Anhalt

Forschungsprojekt: Luise Kiesselbach (1863-1929) – Sozialarbeiterin, Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin

Luise Kiesselbach, geb. Becker, war eine bemerkenswerte Frau. Sie stammte aus einem bürgerlichen Elternhaus, verließ mit 15 Jahren die Schule, um ihrer Mutter beim Haushalt und der Versorgung der 7 Geschwister zu helfen, heiratete den um 24 Jahr älteren Professor für Hals-, Nasen-, Ohrenkunde Wilhelm Kiesselbach, mit dem sie in Erlangen glücklich verheiratet war und zwei Kinder hatte. Als er 1902 an einer Krankheit verstarb, schien auch ihr zunächst die wichtigste Grundlage entzogen. Doch kurz darauf arbeitete sie im Verein Frauenwohl in Erlangen mit, wurde eine der ersten Hilfsamrnepflegerinnen Bayerns (ein von der Frauenbewegung hartnäckig erstrittenes Recht) und ging wenig später nach München, wo sie als Vorsitzende des Vereins für Fraueninteressen sowohl unmittelbar als Sozialarbeiterin tätig war als auch in vielfältiger Weise aktiv war – Rechtsschutzstellen für Mädchen und junge Frauen, Heime für Kinder, verschiedene Interessengruppen gründete. Während des Weltkriegs engagierte sie sich in der Frauenhilfe. Nach dem Krieg wurde sie Mitglied des Münchner Stadtrats, neben dem Wohlfahrtsausschuss war sie in zahlreichen weiteren Gremien. So war sie nicht nur direkt an der Basis tätig, sondern auch auf den verschiedenen politischen und verbandspolitischen Ebenen. Sie kandidierte für die Deutsche Demokratische Partei für Landtag und Reichstag, sie gründete neben zahlreichen Vereinen auch den Paritätischen Wohlfahrtsverband in München und in Bayern, sie war bis zum Ende ihres Lebens in der Frauenbewegung aktiv. Im Münchner Stadtrat beantragte sie (erfolglos) die Einrichtung einer Beschwerdestelle für Antragsteller, die sich im Wohlfahrtsamt ungerecht behandelt fühlen. Sie engagierte sich stark für ein Altersheim, das für damalige Verhältnisse mit Einzelzimmern und Privatkühlschränken hochmodern war. Nach ihrem plötzlichen Tod wurde sie in München als eine bekannte und wohl allseits sehr geschätzte Persönlichkeit vielfältig gewürdigt. Im Süden Münchens wurde ein Platz nach ihr benannt, der heute ein Verkehrsknotenpunkt ist.

Die Forschungen zu Luise Kiesselbach beziehen sich auf ihr Leben und ihr vielfältiges Wirken, das bislang nur unzureichend aufgearbeitet worden ist. Für Hinweise und Kontakte zu möglichen Quellen bin ich dankbar.

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